Wolken, Barrieren und verborgene Tore von Knud Rosenmayr JDPSN

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Wolken, Barrieren und verborgene Tore

Was der Kong-an-Praxis im Weg steht – und was dahinter liegt

Was ist ein Kong-an eigentlich?

Kong-an bedeutet „öffentlicher Fall“. Das kann eine Geschichte sein, ein kurzer Dialog, eine Frage. Zen-Meister Seung Sahn sagte, seine Funktion sei ganz einfach: aufwachen und dieser Welt helfen.

Aufwachen wozu? Nicht zu einer Idee. Nicht zu einem besonderen Zustand. Nicht zu etwas, das wir in die Hand nehmen könnten. Manchmal nennen wir es „Weiß-Nicht“ oder „Geist vor dem Denken“. Aber es hat keinen Namen. Es kommt vor Worten und Sprache, vor gut und schlecht, vor Vorlieben und Abneigungen. Darum ist jeder Name, den wir ihm geben, am Ende falsch. Was ist es dann?

Ein Kong-an muss nicht aus einem alten Zen-Buch kommen. Ein lieber Mensch stirbt. Ein Kind wird geboren. Eine Beziehung geht zu Ende. Ein Sonnenaufgang. Alles, was unser Denken für einen Moment anhält, ist ein Kong-an. Wenn du praktizierst, kommst du an der Kong-an-Praxis also nicht vorbei. Dein ganzes Leben ist eines.

Aber ich will verstehen!

Das ist vielleicht der stärkste Sog von allen. Wir wollen wissen. Wissen fühlt sich sicher an. In der Schule haben wir gelernt: Gib eine Antwort, und sie soll Sinn ergeben.

Aber bei einem Kong-an geht es nicht um die Antwort. Es geht darum, bei der Frage zu bleiben. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich, wenn ich sterbe? Hier rennt das Denken gegen eine Wand.

Zen-Meister Seung Sahn sagte oft, dass Verstehen uns nicht helfen kann. Als ich das zum ersten Mal hörte, dachte ich: „Na gut, aber ich will verstehen.“ Ein Teil von uns will die Kontrolle behalten. Das ist subtil. Oft bemerken wir es nicht einmal.

Am Verstehenwollen ist nichts falsch. Können wir es bemerken – ihm nicht folgen, es nicht bekämpfen? Nach einem langen Tag im Sitzen wird es oft von selbst still. Das Geräusch im Raum, der Geruch der Luft, der Boden. Nichts fehlt. Alles ist genug.

Ist ein Kong-an ein Rätsel?

Wir leben in einer Welt, die Probleme löst. Etwas ist kaputt – reparier es. Also drehen wir das Kong-an im Kopf hin und her. Wir lesen noch mehr Bücher. Wir füttern genau das Denken, das im Weg steht.

Und wir überprüfen unseren Fortschritt. Zen-Meister Wu Bong nannte das das Problem Nummer eins. Zwei Jahre am selben Kong-an, und wir fühlen uns nutzlos. Oder wir führen eine Liste im Kopf: Diese Antwort war falsch, die auch, also vielleicht diese … Das tötet den Moment.

Du musst über ein Kong-an überhaupt nicht nachdenken. Auch der Buddha hat sich nicht ins Aufwachen hineingedacht.

Glaubst du dir selbst?

Wir lieben Worte. Sie inspirieren uns. Aber Worte sind wie Geschenkpapier. Hübsch, bunt, manchmal schön. Aber nicht das Geschenk. Schau Kindern bei einer Geburtstagsfeier zu. Die reißen das Papier in zwei Sekunden herunter. Sie wollen, was drinnen ist.

Unser Kopf klebt sofort auf alles einen Namen. Wir sehen einen Baum, und „Baum“ ist schon da. Können wir ihm ohne das Wort dazwischen begegnen? Nicht „Baum“. Nicht „grün“. Nicht „schön“. Was ist es dann?

Zwei Menschen beschreiben eine Orange. Einer hat alles über Orangen gelesen. Der andere hat gerade hineingebissen. Wem glaubst du? Ob das Wasser heiß oder kalt ist, musst du selbst herausfinden. Niemand kann es für dich schmecken. Nicht dein Lehrer. Nicht der Buddha. Keine KI.

Manchmal sagt ein Lehrer sogar zu einer richtigen Antwort Nein. Nicht weil sie falsch ist. Nur um zu sehen: Ist sie wirklich deine? Oder nur noch mehr Geschenkpapier?

„Richtig!“ – und jetzt?

Wir wollen bestätigt werden. Wir wollen jemand sein, in den Augen der anderen und in unseren eigenen. Wenn der Lehrer also „Richtig“ sagt – was heißt das?

Richtig. Das ist alles. Nicht gut, nicht schlecht. Kein Preis. Einfach richtig.

Aber sofort hängen wir eine Geschichte dran: Ich hab’s geschafft, ich hab bestanden. Was bestanden? Wer hat es geschafft? Ein Kong-an ist keine Einkaufsliste. Ein Zen-Zentrum ist kein Einkaufszentrum. Kong-ans werden nicht gesammelt. Sie werden gelebt. Sie können uns immer wieder aufwecken.

Und wenn die Antwort Nein ist?

Der Lehrer sagt Nein. Oder läutet einfach die Glocke. Was passiert da? Aber meine Antwort war doch gut! Vielleicht Enttäuschung. Vielleicht Wut. Wut worauf? Kaum jemand mag „Weiß-Nicht“.

Manchmal tut es einfach weh. Verletztsein ist ein großer Lehrer. Wer ist da verletzt? Was ist es?

Vor Zurückweisung laufen wir oft davon. Neue Partner, neue Sangha, neue Traditionen. Können wir stattdessen mittendrin bleiben? Und sie uns etwas zeigen lassen?

Angst zu scheitern?

Es gibt so viele Bücher über Erfolg. Nicht viele über das Scheitern. Wenn wir scheitern, weiß es der Körper zuerst: Ein Engegefühl im Bauch, der Kopf nach unten, wenig Energie. „Ich kann das nicht. Vielleicht ist das nichts für mich.“

Wir machen uns Bilder von uns selbst. Wer ich sein will. Wie meine Welt ausschauen soll. Wie andere mich sehen sollen. Wir stellen diese Bilder auf einen inneren Altar und verneigen uns jeden Tag vor ihnen.

Können wir sie einfach sehen? Sie nicht hassen – das wäre nur ein weiterer Altar. Sie nicht aufhängen, nicht im Keller verstecken. Einfach zuschauen, wie sie kommen und gehen.

Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern – Samuel Beckett wusste das gut. Als Zen-Meister Wu Bong gefragt wurde, was in der Praxis am wichtigsten ist, war seine Antwort kurz: Versuchen! Wenn wir einfach versuchen, kann sich das große „Ich“ nicht mehr so fest anklammern. Was ist es also, das scheitert?

Ist das Interview eine Prüfung?

Wir alle erinnern uns an die Schule – Prüfungen, feuchte Hände. Ein Interview kann das alles wieder hochholen. Wir wissen, dass es keine Prüfung ist. Aber der Körper reagiert, als wäre ein wildes Tier im Raum. Kämpfen, flüchten oder erstarren. Uns selbst zu sagen, dass wir ruhig bleiben sollen, hilft wenig.

Es gibt eine alte Geschichte über Milarepa. Er kommt nach Hause, und seine Höhle ist voller Dämonen. Er versucht, sie zu verjagen. Sie bleiben. Er lehrt sie das Dharma. Sie bleiben. Dann gibt er auf, öffnet sich und akzeptiert, dass sie hier zusammen leben werden. Die meisten Dämonen verschwinden. Ein großer bleibt. Milarepa geht auf ihn zu und steckt seinen Kopf in das Maul des Dämons. Und er ist weg.

Wie stecken wir unseren Kopf ins Maul des Dämons? Mit dem Denken aufhören zu wollen ist nur noch mehr Denken – als würde uns ein zweiter Kopf wachsen, damit wir den ersten hergeben können. Aber können wir bei der Angst selbst sein? Der Bauch, der Herzschlag, die Enge in der Brust. Nicht davonlaufen. Ein Schritt nach vorn.

Ohne Antwort gesehen werden

Niemand schaut gern hilflos aus. Im Interview-Raum gibt es keine Rüstung. Es fühlt sich an wie ein Seestern am Strand, außerhalb des Wassers. Sehr offen. Fast zu nah.

Ein alter Zen-Spruch sagt: „Nicht wissen ist am innigsten.“ Der Ort, den wir am meisten fürchten – nicht zu wissen, ohne Antwort gesehen zu werden – ist keine Schwäche. Kein Versagen. Dort begegnen wir einander wirklich. Können wir es so sein lassen? Ohne zu urteilen? Ohne etwas hinzuzufügen?

Das ist kein Spiel

Nach ein paar Jahren kann die Praxis zum Hobby werden. Wie viele Kong-ans habe ich schon bestanden? Zen-Meister Su Bong stellte Zen-Meister Seung Sahn einmal eine schlaue Frage, und Seung Sahn schrie ihn an: „Das ist kein Spiel!“ Und die große Frage war wieder da: Was bin ich?

Kein Spiel heißt: versuchen. Nicht zu leicht, nicht zu schwer. Immer wieder.

Wenn der Wecker läutet – was machst du?

Manchmal wollen wir nicht aufwachen. Der Wecker läutet. Nur noch fünf Minuten. Manche würden ihn am liebsten an die Wand werfen.

All diese Wolken und Barrieren gibt es nicht nur im Interview-Raum. Sie sind in unserem ganzen Leben. Wenn wir sie sehen und ihnen nicht aus Gewohnheit folgen, können sie ein Tor öffnen. Ein verborgenes Tor. Zu etwas Großem und Kostbarem. Bleib dort nicht stehen. Nutze es, um dieser Welt zu helfen.